cap alumni

Christiane Pauli-Magnus (*1969) lebt seit über 20 Jahren mit ihrer Familie in Rheinfelden (AG). Die Ärztin arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten in der klinischen Forschung am Universitätsspital Basel. Medizin und Fotografie folgen für sie derselben Grundhaltung: dem Interesse am Menschen, der Präzision im Blick und dem Wunsch, Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Ihr langjähriges Hobby vertiefte sie von 2020 bis 2022 mit den Lehrgängen cap home und cap professional. Ihre Abschlussarbeit war eine fotografische Hommage an ihre Wohngemeinde Rheinfelden, woraus mit Unterstützung der Stadt das Buch «Rheinfelden» entstand.

In ihrem aktuellen Werk «Underground – die unsichtbare Seite des Unispitals Basel» richtet sie den Blick auf die verborgenen Räume unter dem Spitalalltag. Über eineinhalb Jahre entstand ein Porträt jener Orte und Menschen, die meist im Hintergrund wirken. 

www.pauli-magnus-fotografie.ch

Dein Bildband „Underground - Die unsichtbare Seite des Unispitals Basel“ richtet den Blick auf Menschen, die sonst kaum wahrgenommen werden. Was war der ursprüngliche Auslöser für dieses Projekt?
Wer die Bildwelten auf Webseiten und in sozialen Medien von Spitälern betrachtet, sieht fast immer dasselbe: Behandlungssituationen, Hightech, Operationssäle, Intensivstationen. 

Daneben gibt es zahlreiche Berufsgruppen, die nie in Erscheinung treten, obwohl sie für das Funktionieren eines Spitals unerlässlich sind. Es sind unsichtbare Funktionen, die selten ein Dankeschön erhalten. So wurde zum Beispiel in der Corona-Pandemie den Ärtzt:innen und der Pflege gedankt, aber nie denjenigen, die in den Kellergeschossen des Spitals im Vollschutz die infektiösen Betten gereinigt haben. 

Aus diesem Missverhältnis entstand die Idee zu diesem Projekt.

Wie hast du Zugang zu den verborgenen Arbeitsbereichen des Universitätsspital Basel erhalten? Hat dich die Klinik beim Projekt unterstützt?
Ich arbeite seit 20 Jahren am Universitätsspital Basel und bin hier gut vernetzt. Mit einer Projektskizze habe ich die Zustimmung der Spitaldirektion erhalten und bin damit auf die Abteilungen zugegangen. Dort habe ich offene Türen eingerannt. Alle waren von der Idee begeistert und haben mir freien Zugang zu ihren Bereichen verschafft. Mit meinem Spital-Batch konnte ich mich frei bewegen und spontan arbeiten – ohne Sondergenehmigungen. Das war entscheidend für die Umsetzung.

Neben der ideellen Unterstützung hat das Spital auch einen kleine Geldbetrag gesponsort. Die «Untergrund»-Abteilungen haben den Druck finanziert, so dass das Buch schliesslich in einer Auflage von 1'500 Stück erscheinen konnte. Alle Mitarbeitenden im «Untergrund» haben ein Exemplar erhalten.

Wie haben die Mitarbeitenden auf die Kamera reagiert?
Überwiegend sehr positiv und neugierig. Ich erinnere mich nur an eine Person, die nicht fotografiert werden wollte. 

Ich wollte keine gestellten Bilder machen, sondern solche, die den Arbeitsalltag abbilden. Das hat erstaunlich gut funktioniert, die Menschen haben mich einfach mitgehen lassen und nach kurzer Zeit wurde ich Teil des Geschehens und oft schlicht vergessen. Viele haben auch aus ihrem Arbeitsalltag erzählt. Ich habe selbst sehr viel gelernt.
 

Gab es während der Arbeit Momente oder Begegnungen, die dich besonders berührt oder überrascht haben?
Es gab viele sehr schöne Begegnungen, wenn Menschen mir ihre Arbeit erklärt haben und sich Zeit genommen haben, obwohl viel zu tun war. So hat sich einer der Lüftungstechniker einen Vormittag Zeit genommen, um mir «den Weg der Luft» in einem Spital zu erklären. Er hatte anhand meiner Fragen bei der Reparatur des Lüftungsventilators realisiert, wie wenig ich darüber wusste. 

Und dann gab es viele Kleinigkeiten, zum Beispiel dass mir in der Znüni-Pause in der Bettenzentrale ein Kaffee mitgebracht wurde, obwohl mich dort niemand kannte und auch die Verständigung teils schwierig war. Diese Offenheit und Freundlichkeit haben mich beeindruckt.

Deine Fotos zeigen Arbeit, die sonst kaum jemand sieht. Möchtest du damit auch eine Botschaft vermitteln oder vor allem Wertschätzung ausdrücken?
Mein initialer Antrieb war es, eine Botschaft an meinen eigenen Berufsstand zu vermitteln: genauer hinzusehen was es alles braucht, damit Patientenversorgung auf höchstem Niveau möglich ist. Die Personen, die ich fotografiert habe, sind nämlich nicht nur räumlich unsichtbar – sie werden auch kaum wahrgenommen oder gegrüsst, wenn sie mal aus dem «Untergrund» auftauchen».

Erst im Verlauf des Projekts wurde mir bewusst, wie gross das Wertschätzungsdefizit gegenüber diesen Berufsgruppen ist. So wurde das Projekt schliesslich primär von den betroffenen Mitarbeitenden als Zeichen der Anerkennung wahrgenommen. Ob die Botschaft angekommen ist, bleibt offen.

Hat dieses Projekt deinen eigenen Blick auf Spitäler oder auf Arbeit im Allgemeinen verändert?
Ja, es hat meinen Blick geschärft und zugleich meine Vermutung bestätigt: Ein Spital ist ein hochkomplexes System, das nur funktioniert, weil unzählige Zahnräder ineinandergreifen – viele davon im Verborgenen.

Ich habe noch stärker verstanden, wie abhängig die sichtbare Spitzenmedizin von präziser Logistik, Technik, Reinigung und Infrastruktur ist.  Das Projekt hat mir auch gezeigt, wie sehr gesellschaftliche Wahrnehmung Hierarchien schafft – und wie wichtig es ist, diese immer wieder zu hinterfragen.

Was hast du in deiner Ausbildung an der cap fotoschule mitgenommen, dass für dieses Projekt von Bedeutung war?
Auf der einen Seite habe ich natürlich das fotografische Handwerk gelernt. Als ich zur cap kam hatte ich kaum fotografisches Vorwissen. Ich habe aber auch andere Dinge mitgenommen, zum Beispiel das grundsätzliche Vertrauen in die eigene Fähigkeit, ein solches Projekt selbstständig zu realisieren.

Und noch etwas ist mir in Erinnerung geblieben: Eine cap-Dozentin hat uns mitgegeben, dass bei der Wahl eines Projektes nicht nur das Interesse zählt, sondern auch der reale Zugang zum Thema. Dieses Projekt ist ein Paradebeispiel: ohne den freien Zugang zu den Untergeschossen wäre das nicht umsetzbar gewesen.

Christiane, herzlichen Dank für das Gespräch.

Underground

Die unsichtbare Seite des Unispitals Basel

Deutsch, Softcover
188 Seiten, 190 x 280 mm
1. Auflage 2026
Preis: Fr. 25.-

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